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iPad – Beschleuniger des Printniedergangs oder Retter des Journalismus?

Das iPad ist da und die Hoffnungen ganzer Industriezweige hängen daran. Aber es wird den Print-Journalismus der großen Verlage leider nicht retten. Bild, Spiegel und auch ein paar andere Branchengrößen werden sicher mehr Abnehmer für ihre E-Paper finden als sie es bisher über das stationäre Internet und das iPhone getan haben – aber nennenswerte Erlöse? Ich glaub es einfach nicht. Warum? Das iPad ist Schuld. Es ist kein Kindl, kein E-Reader, es ist eine Unterhaltungsmaschine. Online-Magazine, Facebook, Youtube, Fernsehen, Radio und tausende Spiele sind immer nur einen Tipp mit der Fingerspitze entfernt. Lese ich die „Welt“ im Abo oder guck ich schnell in der U-Bahn die letzte Ausgabe der Tagesschau? Dann bleibt mir auch noch genug Zeit die Firmen-E-Mails zu beantworten, meinen Facebook-Account zu checken, kurz bei Twitter vorbeizuschauen – da kommen die wichtigsten Infos ohnehin zu mir – und während die Bahn in den Untergrund abtaucht, hab ich noch Zeit für ein Spiel. Mit dem iPhone funktioniert das gut, mit dem iPad ist der Faktor Unterhaltung sogar noch größer, denn Videos und Spiele sehen auf dieser Display-Größe einfach noch besser aus. Neu dazu kommen jetzt auch noch Bücher, die wieder ein Stück Aufmerksamkeit und Zeit von mir verlangen.

E-Paper haben keine Freunde
Wenn Print-Journalismus auf dem iPad auf „weiter so“ setzt, wird der Niedergang der Auflagen, steigender Druck auf Redakteure und sinkende Qualität eher beschleunigt. E-Paper ohne Zusatzinhalte, ohne Links nach Außen und somit ohne Mehrwert, werden keine Chance haben auf einem Markt zu bestehen, der von inhaltlichem Überfluss geprägt ist. Die Nutzer folgen immer mehr Empfehlungen via Facebook oder Twitter, allein schon deshalb, weil es für sie sinnvoll ist, Menschen zu vertrauen, mit denen sie auch im echten Leben Interessen teilen. Warum sollten wir als Journalisten das besser können? Nur so hat man heute überhaupt eine Chance, dem unglaublich vielfältigen und umfangreichen Medienangebot Herr zu werden. Diese Art der Aufmerksamkeit-Ökonomie macht es Zeitungen schwierig und wird die Apps der Verlage ebenso bereffen. Und dabei geht es noch nicht einmal um die Frage, ob die Nutzer für diese Inhalte auch bezahlen würden und warum jemand die Nachrichten von gestern lesen sollte, wenn er nur den Browser öffnen muss. Ein doppelter Stolperdraht aus App- und Pay-Wall stellt sich den Nutzern in den Weg.

Schöne Apps gegen langweilige Websites
Doch es gibt ja auch wirklich gut gemachte Angebote für das iPad (und das iPhone). Wired hat der Printausgabe zumindest Rich-Media-Inhalte verpasst, auch wenn sich die Macher optisch auf Printgewohnheiten fixieren. Die Financial Times sieht auf dem iPad besser aus als die digitale Netzschwester und macht auf dem Touchscreen des iPad mehr Spaß als das herkömmliche Webangebot. Das wird auch Online-Angebote unter Druck setzen. Denn dort galt in den allermeisten Fällen, dass Design und Usability eher „nice to have“ als fundamentaler Bestandteil sind. Auf vielen Seiten erfordert es schon ein wenig Gewöhnung den „Content“ von der Werbung zu unterscheiden, die auch gern mal mitten im Text platziert wird – sonst klickt ja keiner! Das stimmt zwar nicht, wie das Beispiel Google zeigt (keine Werbung im Bereich der Suchergebnisse, immer klare Trennung). Aber gemacht wird es trotzdem. Und gerade in Zeiten der Krise lassen sich Redaktionen Werbeplatzierungen gefallen, die noch vor kurzem zu einem Aufschrei geführt hätten.

Also sind am Ende alle dem Untergang geweiht? Weniger Erlöse müssen unter mehr Marktteilnehmer aufgeteilt werden, so viel ist klar. Aber vielleicht gibt es eine Lösung, die zumindest zu besserern Angeboten und höherer journalistischer Qualität führt. Man kann hinschauen wo man will: Spiegel, Stern, Bild – die Online-Redaktionen haben teilweise nicht einmal die gleiche Anschrift wie die Print-Kollegen. Ein Erfolgshemmnis? Vielleicht, aber letztlich brauchen die unterschiedlichen Kanäle Experten, die aus den vorhandenen Inhalten die richtigen Elemente auswählen und aufbereiten – Mobil, Print, Website oder iPad. Da ist es verhältnismäßig gleichgültig, ob man sich eine Kaffeeküche teilt. Zu wissen, was der andere tut, kann sicher nicht schaden, der Knackpunkt ist aber ein anderer. Der oft beschworene Medienbruch ist auch ein Bruch in der Produktionsweise und der Themenauswahl. Im Online-Bereich ist alles ist auswertbar, alles kann klein ausprobiert werden, die Nutzer bestimmen die Themen durch ihr Verhalten. Und: Online arbeitet modular und wiederverwertbar. Jedes Element (Dachzeile, Text, Bild) auf einer Seite, kann in unterschiedlichen zusammenhängen eine neue Aufgabe bekommen und in unterschiedlichen Kanälen aufbereitet werden. Das muss Print auch schaffen! Weg von Indesign, hin zu Templates und XML-Export. Das verrückte ist, dass die Print-Inhalte zwar digital vorliegen, aber in den allermeisten deutschen Online-Redaktionen Texte und Bilder per Copy & Paste aus der jeweiligen Printausgabe übernommen werden.

iPad als Katalysator für überfällige Entwicklung
Das iPad kann das ändern, denn Apples Unterhaltungs- und Medientablett macht nur Spaß, wenn seine Möglichkeiten auch ausgereizt werden. Der Wunsch der Verlage und wohl auch der Redaktionen mit erfolgreichen Print-Titeln auch auf dem iPad zu reüssieren, könnte eine längst überfällige Entwicklung beschleunigen und neue Chancen bieten. Wenn bei der Erstellung von Inhalten gleich berücksichtig würde, dass sie nicht nur einen Tag, eine Woche oder einen Monat auf Papier Verwendung finden, sondern vielleicht parallel auch auf der Website stattfinden sollen, wäre man gezwungen Inhalte anders zu strukturieren und die Themenauswahl auf das Nutzerverhalten abzustimmen. Welches Thema hat die Leser gestern am meisten interessiert? Haben Sie das Magazin wegen der Titelgeschichte gekauft und welcher Beitrag wurde in Facebook am häufigsten empfohlen? Wenn Printredaktionen bereit sind, diese Informationen auszuwerten und die Inhalte haltbar und in „Templates“ zu produzieren, dann würde das auch einen großen Qualitätsschritt bedeuten. Denn warum jemand an ein Thema setzten von dem weiß (sic!), dass es niemanden interessiert! Das schafft Spielraum für Relevantes und erhöht die Leserbindung. Wenn ein Printtitel mehr als nur ein E-Paper bieten will, dann muss sich die Arbeitsweise ändern – und davon könnte die Qualität des Journalismus profitieren.

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